Über die Figur des Doppelgängers, Zerstörung und Vertreibung in Gaza und zelluläre Landwirtschaft
Hey du, unverhoffter Neuankömmling, der sich trotz allzu langer Abstinenz meinerseits auf diesen Newsletter verirrt hat! Und auch ihr Alteingesessenen, die ihr diesen Newsletter in längst vergessenen Zeiten abonniert habt: Das trifft sich ja gut, dass ihr gerade jetzt hier seid, denn mit neuer Energie ausgestattet, wage ich nun einen erneuten Versuch, dieses Format zumindest in monatlicher Regelmäßigkeit wiederzubeleben. Ein weiteres Projekt steht zudem in den Startlöchern (also eigentlich noch nicht wirklich, aber ich bilde mir ein, mit dieser Ankündigung meinen Schweinehund überwinden zu können, damit es alsbald losgehen kann): Auf dem jetzt noch nackten YouTube-Kanal „BewegtBildBuddelei“ sollen demnächst kleinere Video-Essays erscheinen zu diversen kulturellen Phänomenen aus aller Welt – folgt gerne rein, wenn euch das anspricht.
Nun soll es aber erstmal weitergehen mit Empfehlungen: Diesmal mit einem Text über die Struktur der Zerstörung und Vertreibung in Gaza, einem Video über das gruselige Phänomen des Doppelgängers, und einem Podcast über die Potentiale von künstlich hergestelltem Fleisch. Viel Spaß beim Durchstöbern!
What’s So Scary About Doppelgängers? | Sarah Davis Baker
Um was geht es?
Ein Doppelgänger ist mehr ein „Lookalike“, er ist ein anderes Ich, ein dunkles Spiegelbild, ein abgetrennter und unterdrückter Teil unserer Person. So lautet die Ausgangsthese der Essayistin Sarah Davis Baker, die in ihrem Video „What’s so Scary About Doppelgängers?“ einen anregenden Beitrag zum Phänomen produziert hat, der nicht nur kulturhistorisch elegant mit Anekdoten und Poesie angereichert ist, sondern auch spannende Analysen zu Jordan Peels Us, David Lynchs Twin Peaks und zum Videospiel No, I’m not a Human liefert.
Was hängen blieb:
Spannend fand ich die Anekdote zu Mary Shelleys Ehemann Percy B. Shelley, die mir trotz Anglistikstudium nicht bekannt waren (Schande über mein Haupt!). Als roter Faden zieht sich durch alle Einzelanalysen des Essays die Anerkennung des Doppelgängers als „Abjekt“, um einen Begriff zu nennen, der zuletzt auch von der Philosophin Eva von Redecker für ihre Faschismustheorie einer “liquidierenden Phantombesitzverteidigung” aufgegriffen wurde: In Us ist es die verdrängte Kehrseite von Wohlstand und Bürgertum, die in Gestalt der Unterdrückten und Ausgebeuteten dieser Welt auftaucht, und die, frei nach dem Brecht’schen Motto: „Wärst du nicht Reich, wär ich nicht Arm“, beide Figuren entgegenstellt.
Auch in Twin Peaks existiert eine Welt im Schatten und in der Nacht, in allem, was sich jenseits der trügerischen Wohlfühlkulisse abspielt, entfesselt durch die vor der Öffentlichkeit versteckten zweiten Ichs, die eines Tages gewaltvoll in die Realität zurückschlagen. Diese Form der Abspaltung und Selbstentfremdung kann so weit gehen, dass man sich vollständig in einer „Spiegelwelt“ verliert, wie von der Autorin Naomi Klein am Beispiel der neuen Rechten dargelegt, die ihre Konfrontation mit dem „Andern“, sei es im eigenen Selbst oder in der Außenwelt, zunehmend feindlich in einer parallelen Medienöffentlichkeit austragen.
Auch in der frühen Frankfurter Schule und deren sozialpsychologischen Untersuchungen spielte die „pathische Projektion“ eine große Rolle, bei der eigene Triebe, Ängste und Wünsche unterdrückt und als äußere Bedrohungen konstruiert werden, die in dieser abgespalteten Form schließlich bekämpft werden (der „Ausländer“, der „Sozialschmarotzer“, der „Jude“). In der Analyse all dieser Phänomene unter dem Gesichtspunkt des „Doppelgängers“ steckt also meiner Ansicht nach eine Menge Potential, um die sozialen und psychischn Prozesse hinter dem globalen Rechtsruck näher zu beleuchten und greifbar zu machen.
Gaza – Techniken des Genozids | Le Monde diplomatique
Um was geht es?
Es ist still geworden um Gaza, vor allem im deutschen Nachrichtenbetrieb. Während eine finale juristische Beurteilung von Israels Reaktion auf den Terroranschlag vom 7. Oktober noch aussteht, breitet sich die staatlich gestützte Siedlergewalt in den palästinensischen Gebieten weiter aus, und auch im Südlibanon fanden infolge kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hisbollah weitreichende Vertreibungen statt. Für Le Monde diplomatique beschreibt Eyal Weizman die Politik Israels als eine Architektur der Verschlechterung und Verunmöglichung von Lebensbedingungen genozidalen Ausmaßes (Übersetzung eines Textes aus der London Review of Books) .
Was hängen blieb:
Weizman bezieht sich für seine Analyse auf den polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, der 1947 einen Gesetzesentwurf zur Bestrafung von Völkermord für die UNO ausarbeitete und zudem den Begriff Genozid prägte. Lemkin identifiziert Weizman zufolge Ursprünge von genozidalem Handeln bereits in kolonialen Methoden einer langsamen und indirekten Auslöschung, etwa in der Aneignung der besten Bodenflächen durch europäische Siedler. Dass in der 1948 verabschiedeten Genozidkonvention die damals von Lemkin geforderte Anerkennung eines „kulturellen Genozids“ (die Zerstörung von religiösen Stätten, Bibliotheken, Kulturdenkmäler, ect.) aufgrund des damaligen Widerstands einiger europäischer Mächte und der USA nicht vorkommt, hebt Weizman zudem kritisch hervor.
Die Ausarbeitung Lemkins sei stark beeinflusst von modernistischen Architekturbewegungen ihrer Zeit, die die Lebensbedingungen der Menschen maßgeblich von der gebauten Umwelt beeinflusst sahen. Die Bauhaus-Architekt*innen, die sich zunächst der Verbesserung eben dieser Lebensbedingungen verschrieben, wurden schließlich durch das Naziregime mit der Standardisierung der deutschen Bauindustrie beauftragt, einzelne Absolventen sogar mit dem Entwurf der Konzentrationslager.
Die planvolles „Zerstörung essenzieller Grundlagen des Lebens einer Bevölkerungsgruppe […] mit dem Ziel, die Gruppe zu vernichten“, wie Lemkin den Genozid beschrieb, versucht Weizman nun anhand der Transformation Gazas nachzuzeichnen. Er beschreibt, wie durch Bomben und Planierraupen nicht nur Infrastruktur, sondern auch frühere Besitzrechte und amtliche Papiere zerstört wurden, wie immer wieder „humanitäre Zonen“ ausgerufen wurden, die dennoch unter Beschuss standen, und wie die Absicht der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung Richtung Ägypten in einem Dokument des israelischen Geheimdienstministeriums festgehalten wurde, das dem Magazin +972 zugespielt wurde.
Seit des Waffenstillstands am 10. Oktober 2025 ist der Gazastreifen in zwei Zonen geteilt, von denen Israel einen Anteil von über 50% kontrolliert. Eine Fläche, die der israelische Generalstabschef als „neue Grenze“ zum Gazastreifen bezeichnete. Diese „israelische Hälfte“ beinhalte nun auch vollständig einen der letzten fruchtbaren Landstriche, die Gaza vormals mit Getreide versorgten. Weizman schreibt zur Frage der Versorgung: „Indem Israel kontrolliert, wie viele Hilfsgüter nach Gaza gelangen – zu Beginn der Angriffe auf Iran im März vorübergehend gar keine –, diktiert es die Lebensbedingungen“.
Wenig Hoffnung machen auch die herumgeisternden Pläne zum Wiederaufbau und die daran beteiligten Akteure (darunter der argentinische ultralibertäre Präsident Javier Milei, der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan sowie Netanjahu selbst). Trumps Riviera-Vision, die zuletzt von Jared Kushner in Davos unter dem Namen „Sunrise“ vorgestellt wurde, beabsichtigt den Bau von Luxuswohnungen (die wohl kaum für die hiesige Bevölkerung gedacht sind), und die Implementierung von hochtechnisierten Überwachungsmöglichkeiten, etwa in der digitalen Bezahlung oder durch umzäunte, durch biometrische Sensoren ausgestattete Flüchtlingscamps (Emirati Compound) für die Palästinenser.
Ein Wiederaufbau als Rekonstruktion vergangener sozialer und kultureller Strukturen scheint damit ausgeschlossen, die Möglichkeit auf eine Mitbestimmung der einfachen Bevölkerung hochgradig unwahrscheinlich und die Gefahr für eine Kontinuität der Vertreibungspolitik signifikant. Für die völkerrechtliche Bewertung vor dem Internationalen Gerichtshof scheint mir die weitere Entwicklung in Gaza daher von anhaltender Relevanz zu sein und das Damoklesschwert einer potenziellen Verurteilung Israels einer der wenigen Hoffnungsfunken für die Abmilderung der israelischen Großraumpolitik in dieser eher hoffnungslosen Zeit.
Fleisch essen ohne Tierleid: Zellkultur auf dem Bauernhof | Synapsen - ein Wissenschaftspodcast
Um was geht es?
Obwohl der Fleischkonsum in Deutschland seit den 1980ern stark rückläufig ist (von 100 kg pro Person in 1987 zu 54,9 kg pro Person im Jahr 2025), hat sich die globale Nachfrage nach Fleischprodukten seit den 1960ern vervierfacht. Abseits der moralischen Dimension ist dies vor allem für die weltweite CO2-Bilanz ein anhaltendes Problem. Alternativen zur Hoffnung auf Verhaltensänderungen im Konsum der Menschen könnten bald auch neueste Entwicklungen im Bereich der sogenannten „zellulären Landwirtschaft“ sein – auch wenn der Weg in eine solche Zukunft noch ein weiter ist. Der Wissenschaftspodcast Synapsen nimmt sich dem Thema an und präsentiert jüngste Ergebnisse aus Forschung und Praxis.
Was hängen blieb:
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hatte das Thema „künstliches Fleisch“, seitdem ich vor mehreren Jahren zum ersten Mal darauf gestoßen bin, ein wenig aus den Augen verloren. Umso dankbarer bin ich für diesen ausführlichen Bericht, der nicht nur die Wissenschaft hinter dem künstlichen Wachstum tierischer Zellen verständlich macht, sondern auch einen multiperspektivischen Blick auf die aktuellen Problemfelder und „Stakeholder“ dieser Entwicklung wirft.
Da wären zum einen erste landwirtschaftliche Projekte in den Niederlanden (RespectFarms), die im Bioreaktor die ausdifferenzierten Zellen aus dem Labor (also Stammzellen, denen ein Entwicklungsziel auf dem Weg gegeben wurde) mithilfe von “Wachstumsfaktoren” (u.a. Proteine, Zucker, Salze, Fette, Vitamine) zur Zellteilung anregen. Der Prozess ist kompliziert und noch nicht skalierbar, jedoch könnte gerade ein dezentraler Ausbau von vielen kleinen Reaktoren die Krisenanfälligkeit einer solchen Industrie stärken und sogar eines Tages die Produktion von Fleischprodukten direkt in Restaurants oder sogar zuhause ermöglichen.
Der große Vorteil der zellulären Landwirtschaft: Kein Tier müsste für die Entnahme der Gewebeproben sterben, gleichzeitig ließe sich rein rechnerisch ein Äquivalent von „10 Kühen“ aus einer einzelnen Zelle gewinnen. Leider sieht die Energiebilanz aktuell noch nicht so rosig aus; die Herstellung der Wachstumsfaktoren unterliegt aktuell einem penibel hohen Standard, der CO2-Abdruck steigt dadurch signifikant. In der Senkung dieser Produktionskosten läge aktuell laut Forschungskonsens das größte, bisher unerschlossene Potential. Schwierig sei zudem auch noch die rechtliche Situation: In der EU gibt es bisher noch kein für den menschlichen Verzehr zugelassenes Produkt, aktuelle Projekte in diesem Bereich werden lediglich durch Ausnahmeregelungen ermöglicht, der bürokratische Weg hin zur Genehmigung ist kompliziert und zäh.
Besonders interessant war für mich eine kurze Diskussion darüber, ob das künstlich hergestellte, tierschonende, klimafreundlichere und vor allem geschmacksidentische Fleisch als „sozialer Klebstoff“ herhalten könnte, der Konfliktsituationen zwischen unterschiedlichen Ernährungsstilen entschärft und Fleisch als kulturellen und traditionalen Faktor aufrechterhält. Ich kann mir vorstellen, dass das ganze Thema, vor allem unter vegan lebenden Menschen, sehr kritisch behandelt wird, auch weil weiterhin ein invasiver, wenn auch nicht-lethaler, Eingriff in das Tier erforderlich ist. Dennoch glaube ich, dass eine massenhafte Etablierung einer Alternative zur heutigen Massentierhaltung und -schlachtung mit Blick auf die oben genannten Zahlen durch zelluläre Landwirtschaft deutlich einfacher herzustellen ist als durch das Hoffen auf eine globale vegane Revolution.
Eine Kiste bunt Gemischtes:


